
Das »DHS-Jahrbuch SUCHT 2026«, herausgegeben von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), ist gestern erschienen. Es berichtet über aktuelle Entwicklungen und Trends zum Konsum von Alkohol, Tabak, Cannabis, illegalen Drogen sowie zur Medikamentenabhängigkeit und zum Suchtverhalten in Deutschland. Es enthält wissenschaftlich fundierte Zahlen, Daten und Fakten sowie Analysen und Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft.
Alkohol
Etwa 69 % der Erwachsenen im Alter von 18 bis 64 Jahren gaben in einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2024 an, in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken zu haben. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Deutschland 1,7 Millionen Menschen (3 %) im Alter von 18 bis 64 Jahren, bei denen ein problematischer Alkoholkonsum vorliegt. Weitere 2,16 Millionen Menschen (4 %) sind alkoholabhängig. Fachleute gehen davon aus, dass diese Zahlen die tatsächliche Verbreitung eher unterschätzen.
Alkohol ist kein ›gewöhnliches Genussmittel‹. Jede Phase des Alkoholkonsums – vom gelegentlichen Alkoholtrinken bis hin zur Abhängigkeit – geht mit einem steigenden Risiko für gesundheitliche Schäden einher. Es gibt keinen gesundheitlich unbedenklichen oder gar gesundheitsförderlichen Konsum«, erklärt Dr. Francesca Borlak, Suchtmedizinerin und Mitautorin des DHS-Jahrbuchs SUCHT 2026.
44.000 Todesfälle durch Alkoholkonsum
In Deutschland sind jährlich etwa 44.000 Todesfälle auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Damit zählt Alkohol zu den führenden vermeidbaren Todesursachen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht Alkohol mit bis zu 200 verschiedenen Krankheiten in Zusammenhang.
Auch das Gesundheitssystem ist erheblich betroffen. Jährlich sind in Deutschland etwa sieben Millionen Krankenhausaufenthalte ganz oder teilweise auf Alkohol zurückzuführen. In der Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen ist bis zu jeder fünfte Krankenhausfall alkoholbedingt. In der männlichen Bevölkerung gehen etwa sieben Prozent aller vorzeitigen Todesfälle auf Alkoholkonsum zurück. Frauen trinken zwar insgesamt meist weniger Alkohol als Männer, doch diese Lücke verringert sich zunehmend. Bei gleichem Konsumniveau erleiden Frauen oft schwerere gesundheitliche Schäden.
Wichtig zu wissen: Jedes Glas weniger kann messbare gesundheitliche Vorteile bringen. Am besten für die Gesundheit ist es, gar keinen Alkohol zu trinken.«
Dr. Francesca Borlak, Suchtmedizinerin
Hoher Pro-Kopf-Konsum
Zwischen 2019 und 2024 lag der registrierte Pro-Kopf-Alkoholkonsum (PKA), berechnet auf Basis der Verkaufs- und Steuerdaten, bei durchschnittlich 10,6 Litern reinem Alkohol pro Jahr. Damit liegt der PKA hierzulande weiterhin über dem europäischen Durchschnitt. Der PKA gibt an, wie viel Reinalkohol jede Person ab 15 Jahren in Deutschland im Durchschnitt jährlich trinkt. Dabei werden alle Menschen einbezogen, also sowohl diejenigen, die Alkohol trinken, als auch diejenigen, die gar keinen Alkohol trinken.
Große Defizite in der Alkoholpolitik

Im Bereich Alkoholpolitik zeigen sich große Defizite in Deutschland. »Eine systematische Bewertung der Alkoholpolitik in Deutschland und 17 weiteren europäischen Ländern legt den Finger in die Wunde: Deutschland liegt zusammen mit Österreich auf dem vorletzten Platz. Würden hierzulande kosteneffektive Maßnahmen zur Alkoholkontrolle eingeführt, könnten sowohl der Alkoholkonsum als auch die damit verbundenen Probleme stark sinken. Um die hohen gesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums zu reduzieren, müssten vor allem die Verbrauchsteuern auf Alkohol deutlich angehoben und Maßnahmen zur Einschränkung der Verfügbarkeit gestärkt werden. Wir wissen, was wirkt – allerdings haben wir ein großes ungenutztes Potenzial in der Umsetzung geeigneter Maßnahmen«, betont Dr. Carolin Kilian, Public-Health-Expertin und Mitautorin des DHS-Jahrbuch SUCHT 2026. Auf diese Problemlage weist auch ein breites Bündnis von über 25 Fachgesellschaften unter Federführung der DHS in einem Positionspapier zur Alkoholprävention hin.
Wir wissen, was wirkt – allerdings haben wir ein großes ungenutztes Potenzial in der Umsetzung.«
Dr. Carolin Kilian, Public-Health-Expertin
Allianz für Alkoholprävention fordert endlich Handeln zur Senkung der negativen Folgen des Alkoholkonsums

Mit dem Papier »Erforderliche Maßnahmen zur Senkung der negativen Folgen des Alkoholkonsums« wenden sich heute über 20 Organisationen an die Entscheidungsträger*innen des Bundestags. So ist ein breites Bündnis aus Fachorganisationen entstanden, das einen besseren Schutz der Bevölkerung vor alkoholbedingten Schäden fordert.
Forderungen der DHS
Dr. Peter Raiser, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) betont: »Sucht betrifft uns alle – und ist weiter verbreitet, als viele denken. Das DHS-Jahrbuch Sucht 2026 belegt: Die Folgen von Abhängigkeitserkrankungen spüren wir in allen gesellschaftlichen Bereichen. Deshalb ist jetzt politisches Handeln dringend erforderlich. Notwendig ist eine übergreifende Strategie, in der gesundheits-, wie sozial- und wirtschaftspolitisch gedacht wird. Suchtpolitik muss evidenzbasiert und frei von Ideologien sein. Für die Entstigmatisierung von Suchterkrankungen brauchen wir starke Allianzen: Politik, Zivilgesellschaft und Fachleute müssen an einem Strang ziehen – für bessere Gesundheit und weniger Belastung der Gesellschaft.«

Suchtpolitik muss evidenzbasiert und frei von Ideologien sein.«
Dr. Peter Raiser, DHS-Geschäftsführer
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
