
Mit dem Papier »Erforderliche Maßnahmen zur Senkung der negativen Folgen des Alkoholkonsums« wenden sich heute über 20 Organisationen an die Entscheidungsträger*innen des Bundestags. So ist ein breites Bündnis aus Fachorganisationen entstanden, das einen besseren Schutz der Bevölkerung vor alkoholbedingten Schäden fordert.
Alkohol ist ein Zellgift, das zur Entwicklung zahlreicher Krankheiten beitragen kann. Dementsprechend hängt die über die Lebenszeit konsumierte Alkoholmenge mit dem Risiko, vorzeitig zu versterben, zusammen. Alkohol wirkt sich auf die seelische Gesundheit aus, führt zu negativen Konsequenzen im psychosozialen Bereich und steigert das Risiko von Gewalthandlungen, Isolation und Kriminalität. Die mit dem Alkoholkonsum in Zusammenhang stehenden Kosten werden auf 57 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Dabei ist das individuelle Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen nicht eingeschlossen.
Deutschland ist ein Hochkonsumland in Bezug auf Alkohol. Mit rund zehn Litern Reinalkohol pro Kopf liegt Deutschland über dem Durchschnitt der Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Entsprechend hoch sind die sozialen und gesundheitlichen Schäden. Seit Jahren zeigen wissenschaftliche Ergebnisse, dass eine höhere Alkoholkonsummenge zu stärkeren alkoholbedingten gesundheitlichen und sozialen Belastungen in einer Nation führt.
Prävention ist ein wirksames Mittel, um alkoholbedingte Probleme in der Gesellschaft zu reduzieren. Insbesondere haben sich Maßnahmen, die sich auf Risikogruppen (selektive Prävention) sowie auf Personen mit auffälligem Konsumverhalten (indizierte Prävention) fokussieren, als wirksam erwiesen. Ebenso sinnvoll ist der Schutz besonders gefährdeter gesellschaftlicher Gruppen wie ungeborenes Leben, Kinder und Jugendliche, wobei Aufklärungskampagnen ohne weiterführende Maßnahmen nur einen sehr geringen Effekt erzielen konnten.
Demgegenüber zeigen zahlreiche wissenschaftliche Studien der letzten Jahrzehnte, dass sich der Alkoholkonsum in einem Land durch Präventionsmaßnahmen auf Bevölkerungsebene reduzieren lässt. Von besonderer Bedeutung sind dabei Maßnahmen, die über die Verhaltensprävention hinausgehen und die Verfügbarkeit von Alkohol, seinen Preis oder dessen Marketing verändern. In Deutschland fehlt diese Form der Prävention jedoch nahezu vollständig, was in den letzten Jahrzehnten weitestgehend unverändert geblieben ist.
Seit Jahrzehnten wird hier die Chance vertan, Kosten in Milliardenhöhe einzusparen und die Gesundheit von Menschen zu verbessern und Leid zu vermeiden.«
Prof. Dr. Hans-Jürgen Rumpf, Sprecher des Wissenschaftlichen Kuratoriums der DHS
In Deutschland engagieren sich verschiedene gesellschaftliche Einrichtungen für die Ziele der Prävention. Zu ihnen gehören die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die Bundesärztekammer (BÄK) und das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG). Suchtberatungsstellen, suchtmedizinische und psychiatrische Einrichtungen sowie weitere Einrichtungen der Suchthilfe leisten Präventionsarbeit in einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Die bestehenden Maßnahmen bilden jedoch nur einen sehr kleinen Teil der möglichen Präventionsstrategien ab. In Deutschland fehlt ein in die Praxis umgesetzter Gesamtplan. Erforderlich ist die Etablierung einer Versorgung der Bevölkerung mit Präventionsleistungen neben der medizinischen und psychosozialen Versorgung. Damit könnte die Prävention zu einer zentralen Säule zum Wohle der Bürger*innen werden. Laut dem aktuellen Stand des Wissens wird sie zu einer Verbesserung der Gesundheit und zu einer Erhöhung der Lebenserwartung der gesamten Gesellschaft beitragen.
Damit Maßnahmen der Prävention zugeordnet werden können, muss eine Senkung des Alkoholverbrauchs und der alkoholbedingten Probleme folgen. Dies ist erreichbar, indem der Alkoholkonsum unattraktiver gemacht wird und die Menschen motiviert werden, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren oder im optimalen Fall ganz aufzugeben, um ihre Lebensqualität zu verbessern.

Für dieses Ziel sind nach internationalem Konsens in Wissenschaft und Einrichtungen öffentlicher Gesundheit insgesamt fünf Strategien sinnvoll. Diese werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen und unter dem Begriff SAFER zusammengefasst. Das Konzept lässt sich sinngemäß wie folgt zusammenfassen:
Stärkung von Maßnahmen zur Einschränkung der Verfügbarkeit von Alkohol
Die Einführung und Durchsetzung von Beschränkungen für den kommerziellen oder öffentlichen Verkauf von Alkohol sind wichtige Maßnahmen, um den Alkoholkonsum zu reduzieren. Dies beinhaltet, die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke zeitlich (begrenzte Öffnungszeiten) und örtlich (lizenzierte Verkaufsstellen) einzuschränken und sie ihrem Gefahrenpotenzial entsprechend zu regulieren.
Ausbau von Maßnahmen gegen Alkohol am Steuer
Hierzu gehören die Einführung niedriger Promillegrenzen (idealerweise 0,0) für die Teilnahme am Straßenverkehr sowie flächendeckende, verdachtsunabhängige Alkoholkontrollen.
Förderung des Zugangs zu Frühentdeckung (Screening), Kurzinterventionen und Behandlung
Gesundheitsfachkräfte spielen eine wichtige Rolle dabei, Menschen dabei zu helfen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren oder ganz einzustellen, um ihre Gesundheitsrisiken zu verringern. Gesundheitsdienste können wirksame Maßnahmen für Hilfesuchende und ihre Familien anbieten. Entsprechende Maßnahmen müssen bereitgestellt und gefördert werden.
Etablierung von Maßnahmen zur Einschränkung und zum Verbot von Marketing für alkoholische Getränke
Verbote und umfassende Beschränkungen für Alkoholwerbung, Sponsoring und Verkaufsförderung sind wirkungsvolle und kosteneffiziente Maßnahmen. Ein Marketingverbot für alkoholische Getränke, wie es bereits für Tabakprodukte besteht, senkt die Attraktivität des Alkoholkonsums.
Realisierung von Preiserhöhungen durch Steuern und Preisgestaltung
Die Alkoholbesteuerung und die Preisgestaltung zählen zu den wirksamsten und kostengünstigsten Instrumenten zur Alkoholkontrolle. Eine Erhöhung der Verbrauchsteuern auf alkoholische Getränke ist eine bewährte Methode, um den Alkoholkonsum zu verringern. Gleichzeitig verschafft sie der Regierung Einnahmen, mit denen sie die wirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums ausgleichen kann. Zur Regulierung des Marktes zählt auch die Einführung eines Mindestpreises.
Alkoholpolitische Maßnahmen können darüber hinaus auch besonders gefährdete Gruppen schützen. Dafür ist es jedoch erforderlich, dass sie über allgemeine Aufklärungskampagnen hinausgehen. Durch die Förderung von Betreuungskapazitäten und die Schulung von Fachkräften in den Bereichen Medizin, Psychologie und Soziales kann es gelingen, gefährdete Gruppen proaktiv zu erreichen und somit beispielsweise ungeborenes Leben besser zu schützen. Um Jugendliche zu schützen, sollte das Mindestverkaufsalter erhöht werden. Gleichzeitig sollte das »betreute« Alkoholtrinken abgeschafft werden. Im Sinne des Schutzes von Kindern und Jugendlichen wäre es ebenso hilfreich, den Konsum von Alkohol an bestimmten Orten und insbesondere in Gegenwart von Minderjährigen einzuschränken, um einer normativen Wirkung entgegenzutreten. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Maßnahmen des Jugendschutzes nur dann ausreichend wirksam, wenn regelmäßige Kontrollen zu deren Einhaltung erfolgen.
Für die genannten Aktionen liegen zahlreiche Erfahrungen hinsichtlich Wirksamkeit, Durchführbarkeit und Akzeptanz vor. Um diese Leistungen in Form von Gesetzen und weiteren Maßnahmen zu etablieren, ist ein umfassendes Engagement von Einrichtungen der Zivilgesellschaft erforderlich. Ein Vorbild hierfür sind die international und in Deutschland durchgeführten Aktivitäten zur Reduktion des Tabakrauchens. Mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation entstand das Framework Convention on Tobacco Control (FCTC), ein breites internationales Bündnis zur Tabakkontrolle. Die Aktivitäten der Tabakindustrie sollten kontrolliert werden, um deren Interessen den Interessen der Gesundheit aller Menschen entgegenzusetzen.
Für die Umsetzung der SAFER-Forderungen und die Prävention alkoholbezogener Schäden in Deutschland lassen sich folgende Schritte benennen:
- Aufbau von Zusammenschlüssen engagierter Menschen in der Prävention mit Einwerbung von Ressourcen
- Vernetzung mit und Beteiligung an Aktivitäten in Europa (unter anderem European Public Health Alliance, European Centre for Monitoring Alcohol Marketing, EUCAM) und darüber hinaus (Global Alcohol Policy Alliance, GAPA)
Die Arbeit eines solchen Zusammenschlusses hat das Ziel, die oben genannten Maßnahmen zu befördern.
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
