Veranstaltungssaal mit Bühne und Publikum. Auf den großen Leinwänden über der Bühne werden Informationen zu einer Rednerin aus der Ukraine (Olha Stefanishyna) und dem aktuellen Redner Dr. Reinhardt eingeblendet.

Der 130. Deutsche Ärztetag hat heute in Hannover eine konsequent wissenschaftsbasierte Weiterentwicklung der Suchtmedizin und Suchtpolitik in Deutschland gefordert. Die Abgeordneten sprachen sich für mehr Prävention, eine nachhaltige Stärkung der Suchthilfe und der suchtmedizinischen Kompetenzen sowie den Abbau von Stigmatisierung gegenüber Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen aus.

Wenn wir heute über Suchtmittelkonsum und Abhängigkeitserkrankungen diskutieren, sprechen wir nicht über ein Randphänomen, sondern über ein Thema von großer Relevanz – für unsere ärztliche Tätigkeit ebenso wie für unsere Gesellschaft.«
Dr. Klaus Reinhardt, Bundesärztekammer-Präsident

Grundlage der Diskussion waren die Vorträge von Prof. Dr. Hendrik Streeck, Bundesdrogenbeauftragter, Dr. Katharina Schoett, Ärztliche Direktorin der Klinik für Suchtmedizin am Ökumenischen Hainich Klinikum Mühlhausen, und Prof. Dr. Norbert Scherbaum, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Streeck verlangt Paradigmenwechsel in der Suchtpolitik

Porträt von Prof. Dr. Hendrik Streeck am Rednerpult beim 130. Deutschen Ärztetag.

Der Sucht- und Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) kritisierte die unzureichende Finanzierung der Suchtprävention und der frühen Suchttherapie in Deutschland. In Hannover berichtete Streeck den Delegierten entrüstet von seinem Besuch in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn. Die suchtmedizinische Rehaklinik für Kinder und Jugendliche steht aufgrund einer unzureichenden Finanzierungsgrundlage vor der Schließung. Damit würden 60 von insgesamt 85 Plätzen für die Suchtrehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit schweren psychischen Erkrankungen wegfallen. »Und das, obwohl Doppeldiagnosen bei Jugendlichen mit schwerer Substanzgebrauchsstörung wohl eher die Regel als die Ausnahme sind«, unterstrich er.

Er zeigte sich besonders frustriert darüber, dass der Weiterbetrieb an einer vergleichsweise geringen Summe scheitert. Es fehlten gerade einmal 200 Euro pro Kind und Tag. »Im Gesundheitswesen geben wir jeden Tag etwa 1,3 Milliarden Euro aus, aber an dieser Stelle fehlen 200 Euro pro Tag, um junge Menschen früh zu stabilisieren, ihnen eine Behandlung zu ermöglichen und sie wieder in Schule, Familie und Alltag zurückzuführen«, sagte er.

Dieses Beispiel zeigt die Probleme der Suchtmedizin exemplarisch auf. Das Gesundheitswesen finanziert den späten Schaden besser als die frühe Hilfe.

Das Beispiel der Klinik in Alhorn zeigt uns, wo genau die Fehlsteuerung unseres Systems liegt und das weit über die Suchtbehandlung hinaus.«
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung

Nicht die Prävention sei zu teuer, sondern die Logik des Systems, das den Großteil seines Geldes in die Behandlung von Krankheiten statt in deren Vermeidung stecke. »Gesundheit muss vom Menschen her gedacht werden, nicht vom Abrechnungssystem.« Frühes Handeln müsse sich lohnen.

Komorbiditäten sind die Regel, nicht die Ausnahme

Porträt von Katharina Schoett am Rednerpult beim 130. Deutschen Ärztetag.

Katharina Schoett, Chefärztin der Klinik für Suchtmedizin und Ärztliche Direktorin des Ökumenischen Hainich-Klinikums in Mühlhausen, berichtete wiederum von unzureichenden Rahmenbedingungen in der Praxis.

Die 85 Betten auf den spezialisierten Stationen reichen bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Rund 200 junge Menschen stehen auf der Warteliste. Sie betonte auch die besondere Bedeutung von Komorbiditäten bei Suchtkranken.

Wenn man in die Kliniken schaut, sieht man, dass etwa 40 Prozent der Alkoholabhängigen an Depressionen leiden.«
Katharina Schoett, Chefärztin Hainich-Klinikum

Schoett betonte außerdem, dass angesichts der komplexen Diagnosen und Komorbiditäten ein systemübergreifendes Arbeiten von zentraler Bedeutung sei – von der Psychiatrie über die Infektiologie und die Innere Medizin bis hin zur Chirurgie, Dermatologie und Gynäkologie.

Hinzu komme, dass Betroffene oft keine behandelnden Ärzt*innen fänden. Man müsse sich bewusst machen, dass somatische Kliniken oft keine Substitution anbieten. Das führe häufig zum Behandlungsabbruch durch die Betroffenen.

Enorme Belastungen für das Gesundheitssystems durch Alkoholkonsum

Porträt von Norbert Scherbaum am Rednerpult beim 130. Deutschen Ärztetag.

Norbert Scherbaum, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LVR-Klinik Essen und der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, präsentierte epidemiologische Daten zum Konsum von Suchtmitteln und Maßnahmen zur Verhältnisprävention.

Der Konsum von reinem Alkohol beträgt ihm zufolge pro Kopf und Jahr in Deutschland 10,5 Liter (Stand: 2024). Im Vergleich zu 2012 mit 12,3 Litern pro Kopf und Jahr ist diese Zahl zwar rückläufig, sie liegt aber immer noch über dem europäischen Durchschnitt von zehn Litern.

Das Durchschnittsalter beim ersten Konsum beträgt 15,1 Jahre. Diese Zahlen hat Scherbaum dem Jahrbuch Sucht 2026 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), deren erster Vorsitzender er ist, entnommen.

Jahrbuch Sucht 2026: Große Defizite in der Alkoholpolitik

Werbegrafik für das DHS-Jahrbuch Sucht 2026: Links unscharf geblätterte Buchseiten, rechts das Jahrbuchcover mit der Nummer 26, DHS-Logo und unscharfer Menschenmenge im Hintergrund. Überlagerter Text: 'Suchtpolitik muss evidenzbasiert und frei von Ideologien sein.' Unten die Webadresse www.alkoholpolitik.de sowie Social-Media-Links.

Das »DHS-Jahrbuch SUCHT 2026«, herausgegeben von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), ist gestern erschienen. Es berichtet über aktuelle Entwicklungen und Trends zum Konsum von Alkohol, Tabak, Cannabis, illegalen Drogen sowie zur Medikamentenabhängigkeit und zum Suchtverhalten in Deutschland. Es enthält wissenschaftlich fundierte Zahlen, Daten und Fakten sowie Analysen und Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft.

Die Belastungen für das Gesundheitssystem durch Alkoholkonsum sind enorm.«
Norbert Scherbaum, DHS-Vorsitzender

Die Zahl der stationären Aufnahmen in Krankenhäusern aufgrund der Diagnose »Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol« (F10) lag 2024 bei 229.853 Behandlungsfällen. Damit liegt diese Erkrankung auf Platz acht der häufigsten Gründe für stationäre Aufnahmen, bei Männern sogar auf Platz drei.

Der Experte bezifferte die Delikte unter Alkoholeinfluss wie folgt: 47,5 Prozent Widerstand gegen die Staatsgewalt, 18 Prozent Gewaltkriminalität, 12,7 Prozent Mord, 21,7 Prozent Totschlag/Tötung und 19,1 Prozent gefährliche und schwere Körperverletzung. Alkohol vermindert die Impulskontrolle.

Unfälle im Straßenverkehr, an denen mindestens eine alkoholisierte Person beteiligt war, gab es demnach im Jahr 2024 in 14.787 Fällen – mit 198 Getöteten, was 7,2 Prozent der insgesamt 2.770 Verkehrstoten entspricht.

Scherbaum wies auf weitere soziale Folgeschäden hin: Dazu zählen Arbeitsunfähigkeit oder vorzeitige Berentung, Fehlzeiten am Arbeitsplatz, Betriebsunfälle, Produktionsausfall, häusliche Gewalt sowie Überforderung in der Kindererziehung.

Die volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums beliefen sich auf 57,04 Milliarden Euro jährlich, davon entfielen 16,59 Milliarden Euro auf behandlungsbezogene Kosten. Die Einnahmen durch Steuern auf Alkohol seien mit 3,03 Milliarden Euro jährlich hingegen gering, betonte der Suchtexperte.

Kein Alkohol für Minderjährige

Mit 177 Stimmen bei 43 (!) Gegenstimmen und 14 Enthaltungen nahmen die Delegierten folgenden Antrag an:

Der 130. Deutsche Ärztetag 2026 fordert den Bundesgesetzgeber dazu auf, das »begleitete Trinken«, also den Alkoholkonsum von Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren, abzuschaffen und das Mindestalter für Kauf und Konsum von Alkohol auf 18 Jahre zu erhöhen.

Die Gesundheitsrisiken für Heranwachsende durch den Konsum von Alkohol sind klar belegt. Hierzu gehören psychische Erkrankungen wie Alkoholsucht, Ängste, Depressionen sowie Einflüsse auf die Hirnentwicklung und das Risikoverhalten.

Die Vorstellung, dass Eltern die Gesundheitsgefahren des Alkoholgenusses ihrer Kinder dadurch kontrollieren können, dass sie die Kinder unter ihrer Aufsicht Alkohol konsumieren lassen, ist durch nichts belegt. Vielmehr normalisiert diese Vorstellung das falsche Bild des Suchtmittels Alkohol; eine Regelung analog der anderen Suchtmittel ist überfällig.

Quellen: