
Wann wird Alkoholkonsum für Einzelpersonen schädlich und wer trägt die Verantwortung, wenn der Konsum risikoreich wird? Dieselben wissenschaftlichen Erkenntnisse sollten zu denselben Ergebnissen führen. Ein Überblick über nationale Leitlinien und Empfehlungen zeigt jedoch, dass die skandinavischen Länder diese Fragen auf auffallend unterschiedliche Weise angehen.
Schweden
In Schweden verwendet das Nationale Amt für Gesundheit und Soziales den Begriff »riskanter Alkoholkonsum«, um Personen zu identifizieren, denen Unterstützung angeboten werden sollte. Als riskanter Konsum gelten zehn oder mehr Standardgetränke pro Woche oder vier oder mehr Standardgetränke bei einer einzigen Gelegenheit mindestens einmal im Monat. Diese Grenzwerte gelten für Frauen und Männer gleichermaßen. Ein Standardgetränk entspricht beispielsweise 33 Zentilitern normalem Bier oder 12 Zentilitern Wein.
Die Empfehlungen geben somit an, wann das Gesundheits- und Zahnmedizinwesen Unterstützung anbieten sollte. Sie betonen, dass es nicht möglich ist, eine Grenze zu definieren, ab der Alkoholkonsum risikofrei ist, dass jedoch das Risiko für Verletzungen, Krankheiten und vorzeitigen Tod umso geringer ist, je weniger Alkohol konsumiert wird. Als diese Empfehlungen 2023 veröffentlicht wurden, interpretierten viele sie jedoch eher als Ratschlag für Einzelpersonen denn als Leitlinien für das Gesundheitswesen, was zu hitzigen Debatten führte.

Sven Andréasson, Facharzt für Suchtmedizin und emeritierter Professor für Sozialmedizin am Karolinska Institutet, kommentiert:
Ich halte es für einen Fehler, dass der Nationale Rat für Gesundheit und Soziales davon ausgeht, dass Richtlinien, die sich an Fachleute richten, die breite Öffentlichkeit nicht erreichen würden. Natürlich tun sie das. Das Problem ist nicht, dass die Botschaft unklar ist, sondern dass sie die Schwierigkeit widerspiegelt, den Auftrag zu interpretieren. Dennoch waren die heftigen Reaktionen hervorragend, denn ich glaube nicht, dass ähnliche Richtlinien zuvor so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt haben.«
Finnland
In Finnland ist »Käypä hoito« (Standardbehandlung) die nationale, standardisierte Behandlungsrichtlinie, die in der Primärversorgung, der Arbeitsmedizin und in spezialisierten Gesundheitsdiensten angewendet wird. Laut dieser Richtlinie kann die Beurteilung der mit Alkohol verbundenen Gesundheitsrisiken schwierig sein. Ziel der Empfehlungen ist es, die Erkennung, Behandlung und Prävention von riskantem Alkoholkonsum zu verbessern.
»Käypä hoito« verwendet eine sogenannte Alarmschwelle, also einen hohen Risikowert, der für Frauen bei 12–16 Alkoholeinheiten pro Woche und für Männer bei 23 – 24 Alkoholeinheiten pro Woche liegt. Bei diesen Werten steigen die Gesundheitsrisiken deutlich an, und es werden medizinische Maßnahmen empfohlen. Ein moderates Risiko wird bei sieben Einheiten pro Woche für Frauen und 14 Einheiten pro Woche für Männer definiert. Ein Konsum, der für eine gesunde Person wahrscheinlich kein Risiko darstellt, liegt bei 0 – 1 Einheiten pro Tag für Frauen und 0 – 2 Einheiten pro Tag für Männer.
Island
Das isländische Gesundheitsamt gibt Leitlinien zu politischen Maßnahmen und wissenschaftlicher Forschung im Bereich Alkohol und andere Drogen heraus. Den isländischen Empfehlungen zufolge gibt es keine bekannte Menge an Alkohol, deren Konsum völlig risikofrei wäre. Als hohes Risiko gilt der Konsum von fünf alkoholischen Getränken bei einer einzigen Gelegenheit. Älteren Menschen wird geraten, ganz alkoholfrei zu leben, und auch Frauen, die schwanger werden möchten, wird zu vollständiger Alkoholfreiheit geraten.
Die isländischen Leitlinien unterscheiden sich somit von denen in Schweden und Finnland darin, dass sie nicht als klinische Grenzwerte für das Gesundheitswesen formuliert sind, sondern als Empfehlungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die sich an die breite Bevölkerung richten.
Norwegen
In Norwegen gelten die vom Gesundheitsdirektorat herausgegebenen Ernährungsrichtlinien, die sich auch an die breite Öffentlichkeit richten. Aus gesundheitlicher Sicht wird empfohlen, den Alkoholkonsum so gering wie möglich zu halten. Die Leitlinien betonen, dass es keine gesundheitlich unbedenkliche Untergrenze für den Alkoholkonsum gibt und dass Alkoholkonsum mit Krebs und anderen Krankheiten in Verbindung gebracht wird. Das Gesundheitsdirektorat prüft derzeit, ob ausreichende wissenschaftliche Belege vorliegen, um spezifischere Leitlinien zum Alkoholkonsum einzuführen, die möglicherweise empfohlene Obergrenzen beinhalten. Die Überprüfung wird voraussichtlich im Laufe dieses Frühjahrs abgeschlossen sein.
Dänemark
In Dänemark empfiehlt die dänische Gesundheitsbehörde, dass Erwachsene nicht mehr als zehn Standardgetränke pro Woche zu sich nehmen sollten; diese Empfehlung gilt gleichermaßen für Frauen und Männer. Die Behörde stellt fest, dass der Konsum von Alkohol dreimal pro Woche in Dänemark das häufigste Konsumverhalten ist, und betrachtet das Thema aus einer Perspektive der öffentlichen Gesundheit, die sich an die allgemeine Bevölkerung richtet:
Wenn man zehn Standardgetränke pro Woche über drei Tage verteilt trinkt, besteht für den Durchschnittsmenschen ein lebenslanges Risiko von 1 – 2 %, an einer alkoholbedingten Krankheit oder Verletzung zu sterben. Bei höherem Konsum steigt das Risiko. Es ist wichtig zu bedenken, dass manche Menschen besonders anfällig für Alkohol sind und daher zehn Standardgetränke pro Woche nicht für jeden eine sichere Grenze darstellen.«
Färöer, Grönland und die Ålandinseln
Die Färöer haben eigene offizielle Empfehlungen zum Alkoholkonsum, die vom Fólkaheilsuráðið, dem färöischen Rat für öffentliche Gesundheit, erarbeitet wurden. Insgesamt empfiehlt der Rat, so wenig Alkohol wie möglich zu trinken, da kein Alkoholkonsum völlig risikofrei ist. Denjenigen, die sich für den Alkoholkonsum entscheiden, wird – sowohl Männern als auch Frauen – geraten, zehn Alkoholeinheiten pro Woche und höchstens vier Einheiten an einem einzigen Tag nicht zu überschreiten.
Grönland verfügt derzeit über keine nationale Strategie zur Alkoholprävention, hat jedoch kürzlich Empfehlungen für eine solche Politik veröffentlicht, darunter Verbote für die Werbung sowie eine verstärkte Unterstützung für Familien.
Die Åland-Inseln haben keine spezifischen Leitlinien zum riskanten Alkoholkonsum verabschiedet.
Grönland: Expertenempfehlungen für künftige Alkoholpolitik

Die Regierung Grönlands hat dem grönländischen Parlament gerade Expertenempfehlungen für eine mehrjährige, evidenzbasierte Alkoholpolitik vorgelegt. Die Empfehlungen sollen die Grundlage für eine breite politische Einigung über die Alkoholpolitik bilden, die den Rahmen für die weitere Arbeit an einer langfristigen und nachhaltigen Alkoholpolitik schaffen kann.
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Eine anspruchsvolle Aufgabe

Pia Mäkelä ist Forschungsprofessorin am Finnischen Institut für Gesundheit und Soziales und beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit Alkoholforschung, wobei sie regelmäßig ihr Fachwissen in politische Entscheidungen im Bereich Alkohol einbringt. Sie weist darauf hin, dass die finnischen Leitlinien derzeit überarbeitet werden. Die bestehenden Leitlinien basieren teils auf Ernährungsempfehlungen und teils auf Leitlinien für die klinische Versorgung, die beide mittlerweile mehr als zehn Jahre alt sind.
Die Tatsache, dass die aktuellen Alkoholrichtlinien auf veralteten Empfehlungen basieren, macht deutlich, dass sie aktualisiert werden müssen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse haben sich weiterentwickelt. So ist beispielsweise das Bewusstsein für die Krebsrisiken durch Alkohol gestiegen,« sagt Pia Mäkelä.
Mäkelä arbeitet außerdem am JA-SAFE-Projekt (Gemeinsame Aktion zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention, einschließlich rauch- und aerosolfreier Umgebungen). Das von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten kofinanzierte Projekt bringt mehr als 60 Institutionen aus 23 europäischen Ländern zusammen, um die öffentliche Gesundheit in ganz Europa zu schützen. Mäkelä und ihre Kollegin Jaana Markkula leiten die Arbeiten zum Thema Alkohol in Zusammenarbeit mit 13 europäischen Ländern. Ihre Arbeit umfasst die Überprüfung der vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Abgabe von Empfehlungen an die EU-Länder, um jedem Land dabei zu helfen, Entscheidungen auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage zu treffen. Derzeit basieren die europäischen Alkoholrichtlinien auf sehr unterschiedlichen Grundlagen.
Einige Länder stützen ihre Leitlinien auf die Arbeit spezieller Expert*innen, andere auf Ernährungs- oder klinische Versorgungsleitlinien, während wieder andere ohne formellen Prozess erstellt wurden.«
Pia Mäkelä
Sie stellt fest, dass unter den skandinavischen Ländern die Dän*innen den höchsten Alkoholkonsum aufweisen, während die Finn*innen ihren Konsum in den letzten Jahrzehnten erheblich reduziert haben, was zum Teil auf höhere Alkoholsteuern zurückzuführen ist. Die skandinavischen Länder stützen ihre Richtlinien auf dieselben wissenschaftlichen Erkenntnisse.
»Die Wissenschaft kann jedoch nicht genau bestimmen, ab wann das Risiko zu hoch wird. Das muss eine individuelle Entscheidung sein«, sagt Mäkelä.
Manche Menschen möchten jegliches Risiko vermeiden, während andere die sozialen Vorteile des Alkoholkonsums schätzen oder einfach nur den Geschmack genießen. Die Vorlieben der Menschen sind sehr unterschiedlich, und in modernen europäischen Ländern haben alle das Recht, selbst zu entscheiden, welche Risiken sie eingehen möchten.«
Gleichzeitig sind die Behörden dafür verantwortlich, über die Risiken des Alkoholkonsums aufzuklären. Dies erschwert die Ausarbeitung von Leitlinien.
Sven Andréasson ist der Ansicht, dass klare Richtlinien für die breite Öffentlichkeit wichtig sind. »Es sei schon etwas seltsam, dass es diese nicht gebe, wo es doch offensichtlich eine wissenschaftlich fundierte Auffassung davon gebe, was gesund sei, die Fachleuten bereits vermittelt werde«, sagt er.
Kanadas Leitfaden zu Alkohol und Gesundheit

Der Abschlussbericht fasst die Erkenntnisse zusammen, die auf der Grundlage weltweiter Evidenzüberprüfungen, mathematischer Modellierungen sowie umfangreicher Konsultationen und Diskussionen gewonnen wurden. Der Leitfaden versorgt die Menschen in Kanada mit genauen und aktuellen Informationen über das Risiko von Schäden, die mit dem Konsum von Alkohol verbunden sind. Die Ergebnisse bilden auch die Evidenzbasis für künftige alkoholpolitische Maßnahmen und Mittel zur Prävention von Alkoholkonsumstörungen.
Neue Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährung zum Alkoholkonsum

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat in einer neuen Stellungnahme ihre bisherigen Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol ersetzt. Sie folgt damit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zeigen, dass es keine gesundheitlich sichere Menge an Alkohol gibt, die einen unbedenklichen Konsum ermöglicht. Die DGE empfiehlt daher, auf alkoholische Getränke zu verzichten. Wer dennoch alkoholische Getränke zu sich nimmt, sollte vor allem hohe Alkoholmengen vermeiden. Dies gilt insbesondere für junge Menschen. Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende sollten generell alkoholfrei leben.
In einem Sonderdruck der »Ernährungs-Umschau« mit dem etwas gestelzten Titel »Alkohol-Zufuhr in Deutschland, gesundheitliche sowie soziale Folgen und Ableitung von Handlungsempfehlungen« möchte die DGE nicht nur Handlungsempfehlungen für das individuelle Alkoholkonsumverhalten geben, sondern auch Hinweise für gesundheitspolitische Maßnahmen, die zur Minimierung gesundheitlicher Schäden in der Bevölkerung beitragen.
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Quelle: PopNAD
Übersetzt mit www.DeepL.com
