
Das deutsche Gesundheitssystem steht unter Druck. Die Bevölkerung wird älter und kränker. Umweltbelastungen, etwa durch den Klimawandel, wirken sich immer stärker aus. Der Personalmangel in Medizin und Pflege nimmt zu. Obwohl die medizinische Versorgung qualitativ zur Weltspitze gehört, hinkt Deutschland bei der Lebenserwartung hinterher. Dabei ist das Gesundheitssystem mit jährlichen Kosten von 500 Milliarden Euro international eines der teuersten. Wie kann das System entlastet und verbessert werden? Der Wissenschaftsrat fordert hierfür einen Kurswechsel hin zu mehr Prävention.
Deutschlands Gesundheitssystem braucht einen Kulturwandel. Wir müssen Gesundheit und nicht Krankheit in den Mittelpunkt und damit Prävention über Reparatur stellen. Man weiß, was zu tun ist; man muss es nur endlich auch tun,« sagt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Wick. »Eine starke Prävention und Gesundheitsförderung sind kein nice to have, sie sind systemrelevant – für die Sicherung unserer Gesundheits- und Sozialsysteme, aber auch für unsere Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt,« betont Wick.

In seinem Positionspapier »Für Prävention und Gesundheitsförderung handeln in Wissenschaft, Versorgung und Gesellschaft« fordert der Wissenschaftsrat ein entschlossenes Handeln der Politik, die Vernetzung von Expertise verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, einen effektiven Wissenstransfer, starke öffentliche Gesundheitsstrukturen sowie eine präventiv, interprofessionell und interdisziplinär ausgerichtete Versorgung. Zudem braucht es ein verbindliches Commitment sämtlicher sektoraler Teilsysteme, die einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit haben – vom Agrar- und Ernährungs- bis hin zum Verkehrs- und Mobilitätssektor.
Trotz des breiten Wissens über Prävention gelingt die dauerhafte Umsetzung kaum. Besonders problematisch ist, dass gefährdete Gruppen von Präventionsmaßnahmen oft nicht erreicht werden, wodurch sich soziale und gesundheitliche Unterschiede weiter verschärfen. Gesundheit muss daher als verbindliches Ziel in allen Politikbereichen, wie beispielsweise Bildung, Arbeit, Wirtschaft, Ernährung oder Umwelt, verankert werden.
Eine bessere Datengrundlage ist entscheidend, um evidenzbasierte Maßnahmen zu entwickeln. Ein erleichterter Forschungszugang zu Daten – bei striktem Datenschutz und hoher Sicherheit – liegt im Gemeinwohlinteresse und ist besonders für innovative Ansätze wie den Einsatz von künstlicher Intelligenz wichtig. Neue Präventionsmaßnahmen sollten in Experimentierräumen, beispielsweise in Betrieben und Schulen, erprobt werden. Dabei sollten Kinder, Jugendliche und Geschlechteraspekte stärker einbezogen werden.
Gesundheitskompetenz und Gesundheitskommunikation müssen verbessert und dabei kulturelle sowie soziale Faktoren berücksichtigt werden. Für eine wirksame Präventionsforschung sind interdisziplinäre Strukturen erforderlich, wie beispielsweise Präventionszentren an Hochschulen, die die Bereiche Medizin, Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Sozialwissenschaften und Umweltwissenschaften verbinden. Diese Zentren sollten zudem Schnittstellen zwischen Forschung, Politik, Versorgung und Öffentlichkeit schaffen. Dringend benötigt wird zudem mehr Forschung darüber, wie Präventionsmaßnahmen im Alltag umgesetzt werden können. Dafür sind enge Kooperationen zwischen Wissenschaft, öffentlichem Gesundheitsdienst und Praxis erforderlich. Auch in der Ausbildung von Mediziner*innen und Gesundheitsberufen sollten präventionsorientierte Denkweisen stärker vermittelt werden. Prävention muss als Schwerpunkt in Studium, Lehre sowie Aus- und Weiterbildung von medizinischen und medizinnahen Berufen gestärkt werden.
Außerdem sollten Anreize und Ressourcen für Prävention ausgebaut werden. Bestehende finanzielle und regulatorische Anreizstrukturen sollten wissenschaftlich überprüft und hinsichtlich ihrer präventiven Wirksamkeit weiterentwickelt werden. Die Lerneffekte aus Modellvorhaben sind systematisch zu nutzen, um erfolgreiche Ansätze zu verstetigen, weiterzuentwickeln oder gezielt abzubauen.
Von kommerziellen Treibern nichtübertragbarer chronischer Erkrankungen gehen erhebliche Gesundheitsgefahren aus, gerade auch für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Strengere Regulierungen der hierfür wesentlich verantwortlichen Industriezweige (Alkohol, Tabak, hochverarbeitete Lebensmittel und fossile Brennstoffe) sind dringend erforderlich.«
Wissenschaftsrat
Zugleich empfiehlt der Wissenschaftsrat, eine gesundheitsförderliche Regulierung – insbesondere im Hinblick auf kommerzielle Gesundheitsdeterminanten wie Alkohol, Tabak oder stark verarbeitete Lebensmittel – voranzutreiben und die dadurch entstehenden zusätzlichen Mittel gezielt für die Präventionsforschung oder unabhängige Förderinstrumente, wie etwa Stiftungen, einzusetzen.
Quelle: Pressemitteilung Wissenschaftsrat
