Eine dunkle Weinflasche mit leerem Etikett steht zentral im Vordergrund vor dem Plenarsaal des Europäischen Parlaments, der farblich in Blau (links) und Gelb (rechts) zweigeteilt ist.

Am 12. Februar 2026 verabschiedete das Europäische Parlament eine Plenarentschließung zum Weltkrebstag, jedoch erst nach einem heftigen Streit über einen einzigen kurzen Satz zum Thema Alkohol.

Die Resolution selbst, die am 12. Februar 2026 offiziell verabschiedet wurde, führt »schädlichen Alkoholkonsum« als einen der Hauptrisikofaktoren für Krebs auf. Sie enthält auch eine separate Erwägung zu Alkohol, Ziffer D, in der es im endgültigen verabschiedeten Text heißt, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) sich »darum bemühen, das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs zu schärfen«.

Der Ausdruck »Bewusstsein schärfen« ist der Punkt, auf den sich die Politik konzentriert hat.

Zwei Änderungsanträge versuchten, Ziffer D umzuschreiben

Änderungsantrag 1 wurde von Tilly Metz im Namen der Verts/ALE-Fraktion eingereicht. Er hätte die Formulierung zur Sensibilisierung durch eine deutlichere Aussage ersetzt, wonach die WHO zu dem Schluss kommt, »dass es beim Alkoholkonsum im Hinblick auf die Krebsprävention keine unbedenkliche Menge gibt« und dass diese Erkenntnis in der Gestaltung der Präventionspolitik berücksichtigt werden muss.

Änderungsantrag 2 kam von Christophe Clergeau und Vytenis Povilas Andriukaitis im Namen der S&D-Fraktion. Er zielte auf eine mittlere Formulierung ab und stellte fest, dass »durch verschiedene von der WHO und der IARC vorgelegte Nachweise ein klarer Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs aufgezeigt wird«.

Beide Änderungsanträge zielten auf denselben Punkt ab, Ziffer D. Über beide wurde im Plenum als Teil des gemeinsamen Entschließungsantrags zum Weltkrebstag abgestimmt.

Was die Abstimmungsergebnisse zeigen

Laut dem offiziellen Dokument »Ergebnisse der Abstimmungen« des Parlaments für die Sitzung (VOT) wurde Änderungsantrag 1 mit 215 Ja-Stimmen, 282 Nein-Stimmen und 35 Enthaltungen abgelehnt (Seite 18), und es handelte sich um eine namentliche Abstimmung (NA).

Änderungsantrag 2 wurde ebenfalls abgelehnt, aber im VOT-Dokument ist dies nicht als namentliche Abstimmung vermerkt. In der Praxis bedeutet dies, dass das Parlament zwar die Gesamtzahlen veröffentlicht, es jedoch keine offizielle öffentliche Liste darüber gibt, wie die einzelnen Abgeordneten zu diesem Punkt abgestimmt haben.

Nachdem beide Änderungsanträge abgelehnt worden waren, stimmte das Parlament über Ziffer D in ihrer ursprünglichen Fassung ab und nahm sie mit 363 Ja-Stimmen, 150 Nein-Stimmen und 33 Enthaltungen erneut in namentlicher Abstimmung an.

Schließlich wurde die Resolution insgesamt mit 427 Ja-Stimmen, 15 Nein-Stimmen und 93 Enthaltungen angenommen.

Die namentliche Abstimmung zeigt, dass die Stimmenverteilung nicht klar entlang der traditionellen Links-Rechts-Linie verlief. Mitglieder mehrerer Fraktionen, darunter die EVP, Renew Europe und S&D, stimmten sowohl für als auch gegen den Änderungsantrag. Dieses Muster spiegelt oft ebenso sehr den nationalen Kontext wie die Ideologie wider, auch wenn die namentliche Abstimmung selbst nicht erklärt, warum einzelne Abgeordnete aus der Reihe getanzt sind.

So stimmten deutsche Europa-Abgeordnete

Für den Änderungsantrag 1 mit der deutlichen WHO-Formulierung stimmte das Team »Menschen vor Profit«, dagegen das Team »Profit vor Menschen«, enthalten hat sich niemand:

Fraktion
JA: Schutz der Menschen vor Profitinteressen
NEIN: Schutz der Profitinteressen der Alkoholindustrie
EVP
  • Hildegard Bentele, CDU
  • Manuela Ripa, ÖDP
  • Daniel Caspary, CDU
  • Lena Düpont, CDU
  • Michael Gahler, CDU
  • Jens Gieseke, CDU
  • Niclas Herbst, CDU
  • Stefan Köhler, CDU
  • Norbert Lins, CDU
  • David McAllister, CDU
  • Alexandra Mehnert, CDU
  • Dennis Radtke, CDU
  • Oliver Schenk, CDU
  • Christine Schneider, CDU
  • Andreas Schwab, CDU
  • Sven Simon, CDU
  • Axel Voss, CDU
  • Marion Walsmann, CDU
  • Andrea Wechsler, CDU
S&D
  • Katarina Barley, SPD
  • Gabriele Bischoff, SPD
  • Udo Bullmann, SPD
  • Delara Burkhardt, SPD
  • Tobias Cremer, SPD
  • Matthias Ecke, SPD
  • Bernd Lange, SPD
  • Maria Noichl, SPD
  • René Repasi, SPD
  • Sabrina Repp, SPD
 
Renew
  • Svenja Hahn, FDP
  • Engin Eroglu, FW
  • Moritz Körner, FDP
  • Jan-Christoph Oetjen, FDP
  • Joachim Streit, FW
Grüne/FEA
  • Rasmus Andresen, B90/Grüne
  • Michael Bloss, B90/Grüne
  • Damian Boeselager, VOLT
  • Anna Cavazzini, B90/Grüne
  • Daniel Freund, B90/Grüne
  • Alexandra Geese, B90/Grüne
  • Erik Marquardt, B90/Grüne
  • Hannah Neumann, B90/Grüne
  • Jutta Paulus, B90/Grüne
  • Terry Reintke, B90/Grüne
  • Nela Riehl, VOLT
  • Kai Tegethoff, VOLT
 
Linke
  • Özlem Demirel, Linke
  • Sebastian Everding, MUT
  • Martin Günther, Linke
  • Martin Schirdewan, Linke
 
Fraktionslos
  • Sibylle Berg, Die PARTEI
  • Fabio De Masi, BSW
  • Ruth Firmenich, BSW
  • Thomas Geisel, BSW
  • Friedrich Pürner, unabhängig
  • Martin Sonneborn, Die PARTEI
  • Jan-Peter Warnke, BSW
 

Der wissenschaftliche Hintergrund des Streits um Worte

Änderungsantrag 1 stützt sich ausdrücklich auf die Formulierung »kein sicheres Maß« der WHO. In der zitierten Pressemitteilung der WHO/Europa erklärt die WHO: »Was den Alkoholkonsum angeht, gibt es kein sicheres Maß, das keine Auswirkungen auf die Gesundheit hat.«

Derselbe Text der WHO/Europa besagt auch, dass Alkohol von der IARC »als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft wurde« und dass Alkohol »mindestens sieben Krebsarten verursacht«.

Auf Seiten der IARC beschreibt ein Kapitel des Weltkrebsberichts der IARC positive Zusammenhänge zwischen Alkoholkonsum und verschiedenen Krebsarten (zum Beispiel Mund, Rachen, Speiseröhre, Dickdarm, Leber, Kehlkopf, Bauchspeicheldrüse, weibliche Brust), was die fundierten Erkenntnisse widerspiegelt, auf denen die Karzinogenbewertungen der IARC basieren.

Was diese Quellen sagen und was sie nicht sagen, ist der entscheidende Unterschied. Der Satz »keine sichere Menge« der WHO bezieht sich auf die Auswirkungen von Alkohol auf die Gesundheit im Allgemeinen, nicht auf einen gesetzlichen Standard, und ist keine Behauptung, dass jeder Schluck bei jedem Menschen Krebs verursacht. Gleichzeitig stellen die WHO und die IARC ausdrücklich fest, dass Alkohol krebserregend ist und mit mehreren Krebsarten auf Bevölkerungsebene in Verbindung steht.

Was letztendlich verabschiedet wurde, in einfachen Worten

Der angenommene Erwägungsgrund Ziffer D behielt die abgeschwächte Formulierung bei: Die WHO und die IARC »bemühen sich, das Bewusstsein für den Zusammenhang zu schärfen«. Das Parlament nahm keine der beiden alternativen Formulierungen an, die die Aussage in Ziffer D verstärkt hätten.

Dennoch wird in der verabschiedeten Resolution Alkohol wiederholt neben Tabak als präventionsrelevanter Risikofaktor genannt und zu Maßnahmen aufgefordert, um die Exposition gegenüber Risikofaktoren, einschließlich (dem fehlerhaften Begriff) vom »schädlichen Alkoholkonsum«, zu verringern.

Warum dies im Gesamtkontext wichtig ist

Diese Abstimmung ist ein Beispiel für eine wiederkehrende Spannung auf EU-Ebene: Ein breiter Konsens über die Bekämpfung von Krebs und die Unterstützung der Prävention steht im Widerspruch zu wiederkehrenden Auseinandersetzungen darüber, wie offen Institutionen über die Risiken des Alkoholkonsums sprechen sollten. Auf dem Papier befürwortete das Parlament einen Präventionsansatz, der Alkohol zu den Krebsrisikofaktoren zählt. Politisch lehnte es jedoch eine Formulierung ab, die die Botschaft der WHO, dass es keinen sicheren Alkoholkonsum gibt, direkt in den Text einer Entschließung zur Krebsprävention aufgenommen hätte, obwohl die Materialien der WHO und der IARC eindeutig die Karzinogenität von Alkohol und seinen Zusammenhang mit verschiedenen Krebsarten belegen. Die in den namentlichen Abstimmungslisten zum Ausdruck kommende Spaltung zeigt, dass es sich nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts handelt, sondern auch um eine interne Auseinandersetzung innerhalb großer Fraktionen wie der EVP, was von Bedeutung ist, da diese internen Fronten oft darüber entscheiden, ob ähnliche Formulierungen in zukünftigen Abstimmungen Bestand haben.