
Die wirksamste Waffe der Alkoholindustrie gegen staatliche Initiativen zur Erhöhung der Alkoholsteuern ist die Erstellung eigener »Beweise«. Seit über einem Jahrzehnt finanzieren transnationale Alkoholkonzerne das Unternehmen »Euromonitor International«, um Schätzungen zum illegalen Alkoholkonsum zu erstellen. Diese werden dann über ein Netzwerk aus Lobbygruppen, Medienplatzierungen und Stellungnahmen verbreitet, um wissenschaftlich fundierte Alkoholsteuermaßnahmen anzugreifen und zu untergraben.
Das Paralleluniversum der Alkoholindustrie
Das wirksamste und wissenschaftlich fundierteste Instrument zur Prävention und Eindämmung alkoholbedingter Schäden ist die Einführung von gesundheitsorientierten Alkoholsteuern. Jahrzehntelange, von Fachkolleg*innen begutachtete und unabhängige Forschungsergebnisse zeigen durchweg, dass ein Anstieg der Alkoholpreise zu einem Rückgang des Alkoholkonsums in der Bevölkerung führt. Dies hat wiederum eine direkte Verringerung alkoholbedingter Erkrankungen, Verletzungen und Todesfälle zur Folge.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die Alkoholbesteuerung als »Best-Buy«-Maßnahme ein – eine äußerst kosteneffiziente politische Vorgehensweise, die sowohl die öffentliche Gesundheit verbessert als auch wichtige inländische Einnahmen für die Staatskasse generiert.
Die Wirksamkeit dieser Politik hängt jedoch von ihrer Integrität ab. Um ihre Gewinne zu sichern, hat die Alkoholindustrie eine ausgeklügelte Infrastruktur aufgebaut, die darauf abzielt, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse anzufechten, indem sie ein »Paralleluniversum« von Beweisen schafft, das sich auf die Gefahr des illegalen Handels konzentriert.
Ein Jahrzehnt von der Industrie beauftragter »Forschung«
Seit mehr als einem Jahrzehnt stützt sich die Alkoholindustrie auf Euromonitor International, um ein Narrativ über illegalen Alkohol zu konstruieren und zu verbreiten. Demnach seien illegale Märkte riesig, wachsend und äußerst empfindlich gegenüber jeglicher Erhöhung der Alkoholsteuern. Diese Darstellung taucht über Regionen und Jahre hinweg immer wieder auf. In jeder Debatte über die Alkoholbesteuerung wird sie erneut zur Sprache gebracht und als maßgeblicher globaler Beweis präsentiert, obwohl sie auf von der Alkoholindustrie in Auftrag gegebenen Beratungsarbeiten basiert.
Euromonitor International ist ein Marktforschungsunternehmen, das Analysen zu Dienstleistungen und Produkten – darunter Alkohol und Tabak – auf globaler und Länderebene bereitstellt. Das Unternehmen erstellt Berichte und stellt Daten zu Marktgröße, Marktanteilen von Unternehmen und Marken sowie zu Branchentrends bereit.
Die Forschung von Euromonitor zum Thema illegaler Alkohol wurde vom weltweit größten Alkoholhersteller finanziert. Es handelt sich nicht um eine unabhängige Analyse, sondern um Beratungsleistungen, die zur Förderung der Interessen der Alkoholindustrie erbracht wurden.«
Pierre Andersson
»Tobacco Tactics« deckte auf, dass Euromonitor Finanzmittel von zwei von Philip Morris International (PMI) finanzierten Organisationen erhalten hatte: PMI IMPACT und der Foundation for a Smoke-Free World (FSFW). Laut der Website von PMI IMPACT wurde Euromonitor beauftragt, »sektorübergreifende Strategien zur Bekämpfung des illegalen Handels zu entwickeln«.
Eine wichtige Veröffentlichung von Euromonitor verdeutlicht diese Art von Beziehung auch im Zusammenhang mit der Alkoholindustrie. In »Size and Shape of the Global Illicit Alcohol Market« (2018) schreibt Euromonitor: »In den vergangenen sieben Jahren haben SAB Miller und AB InBev Euromonitor International beauftragt, Untersuchungen zu den weltweiten Märkten für illegalen Alkohol durchzuführen.«
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Globaler Fußabdruck der Alkoholindustrie
Euromonitor führte über einen Zeitraum von sieben Jahren Studien zum illegalen Alkoholhandel in mindestens 24 Ländern in Lateinamerika, Afrika und Osteuropa durch.
Dies bestätigt, dass die Euromonitor-Studie zum illegalen Alkoholhandel vom weltweit größten Alkoholhersteller finanziert wurde. Es handelt sich somit nicht um eine unabhängige Analyse, sondern um eine von der Alkoholindustrie in Auftrag gegebene Beratungsarbeit.
In diesen sieben Jahren führte Euromonitor Studien zum illegalen Alkoholhandel in mindestens 24 Ländern in Lateinamerika, Afrika und Osteuropa durch.
Diese Studien sind direkt im Literaturverzeichnis des Berichts aufgeführt, darunter Länderstudien zu Malawi, Mexiko, Chile, Paraguay, Russland, der Dominikanischen Republik und anderen Ländern. Die Daten dieser einzelnen Länderstudien bilden den Pool, aus dem die globale Alkoholindustrie Zahlen, zentrale Behauptungen und alarmistische Darstellungen bezieht.
Diese Erkenntnisse von Euromonitor werden anschließend aufbereitet und im gesamten Ökosystem der globalen Alkoholindustrie verbreitet.
- So stützte sich beispielsweise die »Transnational Alliance to Combat Illicit Trade« (TRACIT) bei ihrer Studie »Illicit Alcohol: A Global Study« vollständig auf von Euromonitor in Auftrag gegebene Daten und verwandelte Schätzungen auf Länderebene in eine globale Darstellung der Krise.
- Ein weiteres Beispiel ist die »International Alliance for Responsible Drinking« (IARD): Die IARD hat denselben Datensatz in ihrer Broschüre »Alcohol in the Shadow Economy« wiedergegeben und dabei von der Industrie finanzierte Zahlen so dargestellt, als handele es sich um unabhängige globale Belege. Lobbygruppen wie die »World Spirits Alliance« und »spiritsEUROPE« integrieren diese Zahlen in ihre Lobby-Toolkits und Stellungnahmen und bringen damit dramatische Behauptungen in Debatten über Besteuerung und Verfügbarkeit ein.
Durch die koordinierte Verbreitung über diese Netzwerke gewinnen die Zahlen der Alkoholindustrie an Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit und tauchen in der Medienberichterstattung, bei Konsultationen mit Interessengruppen und in politischen Anhörungen auf, als handele es sich um neutrale Fakten und nicht um Lobbyinstrumente.
Dieses Muster setzt sich auch auf nationaler Ebene fort. In Südafrika, Kenia, Mexiko, Uganda, Brasilien und Thailand zitieren Lobbygruppen der Alkoholindustrie in Pressemitteilungen, Stellungnahmen vor dem Parlament und Medieninterviews Zahlen, die von Euromonitor stammen. Lokale Nachrichtenmedien geben diese Behauptungen dann unkritisch wieder und verstärken so den Eindruck einer eskalierenden »Krise durch illegalen Alkohol«.
Mangelnde methodische Transparenz
Ein charakteristisches Merkmal der Euromonitor-Arbeit zum Thema illegaler Alkohol ist die fehlende methodische Transparenz. Die Berichte enthalten zwar umfangreiche Zahlenangaben zu Marktanteilen, Verbrauchswerten, Steuerausfällen und Produktkategorien, jedoch keine Informationen darüber, wie diese Zahlen ermittelt wurden. Es werden keine Datenquellen genannt. Es werden keine Stichproben- oder Modellierungsmethoden erläutert. Nichts lässt sich überprüfen, reproduzieren oder hinterfragen. Ihre »Genauigkeit« wird ohne die zur Validierung erforderlichen Belege dargestellt.
Trotz dieser Undurchsichtigkeit enthalten die Berichte selbstbewusste und eindeutige politische Empfehlungen. Euromonitor behauptet wiederholt, dass hohe Alkoholsteuern und »übermäßige Beschränkungen« den illegalen Handel begünstigen, und fordert die Regierungen nachdrücklich auf, »eine Überregulierung des legalen Alkoholmarktes zu vermeiden«. Diese Aussagen stimmen weitgehend mit den Positionen von Lobbygruppen der Alkoholindustrie wie IARD, spiritsEUROPE, der World Spirits Alliance und TRACIT überein.
Unabhängige Erkenntnisse zeichnen ein ganz anderes Bild. Analysen der WHO zeigen, dass der nicht erfasste Alkoholkonsum eine vielfältige Kategorie darstellt und dass eine gut konzipierte Alkoholsteuer nicht automatisch zu einem Anstieg des illegalen Konsums führt. Peer-Review-Modelle belegen, dass höhere Alkoholsteuern in Verbindung mit gezielten Durchsetzungsmaßnahmen sowohl den erfassten als auch den nicht erfassten Konsum senken können. Erkenntnisse aus den baltischen Staaten bestätigen, dass gut umgesetzte Erhöhungen der Alkoholsteuern den Gesamtalkoholkonsum gesenkt haben, ohne den illegalen Handel zu verstärken.
Das Tabak-Drehbuch: Gleiches Unternehmen, gleiche Probleme
Unterdessen liefern Erkenntnisse aus der Beobachtung der Tabakindustrie eine deutliche Warnung. Unabhängige Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schätzungen von Euromonitor zum illegalen Handel im Tabaksektor erhebliche Unstimmigkeiten und methodische Schwächen aufweisen. Blecher belegt, dass weit verbreitete Zahlen zum illegalen Handel oft auf undurchsichtigen Annahmen beruhen und nicht unabhängig überprüft werden können. Laverty und Kolleg*innen stellen fest, dass Zigarettenpreise nicht mit dem illegalen Handel in der EU in Zusammenhang stehen – die Nähe zu Grenzen, nicht die Besteuerung, war der eigentliche Faktor –, was eine erhebliche Unzuverlässigkeit der branchennahen Schätzungen offenbart.
Gilmore et al. belegen zudem, dass von der Industrie finanzierte Schätzungen dazu neigen, das Ausmaß illegaler Märkte in einer Weise zu übertreiben, die den Lobbypositionen der Industrie zugutekommt. Ähnliche Diskrepanzen wurden in Ghana festgestellt, wo unabhängige Untersuchungen einen Anteil illegaler Zigaretten von 20 % ergaben – weit unter der Schätzung von Euromonitor von 39 %. Die Forscher*innen kamen zu dem Schluss, dass die Zahlen von Euromonitor weder durch Marktbeobachtungen noch durch Aufzeichnungen der Strafverfolgungsbehörden gestützt wurden, was die Bedenken hinsichtlich undurchsichtiger Methoden und kommerzieller Voreingenommenheit unterstreicht.
Ein Kommentar in »Tobacco Control« bringt das Kernproblem auf den Punkt: Das Geschäftsmodell von Euromonitor stützt sich auf kommerzielle Verträge mit transnationalen Tabakkonzernen, was zu direkten Interessenkonflikten führt und jeglichen Anspruch auf Neutralität bei der Schätzung illegaler Märkte untergräbt.
Die Zahlen von Euromonitor zum illegalen Alkoholhandel können nicht als objektive Messgrößen für nicht erfasste Märkte angesehen werden, sondern müssen als Teil einer umfassenderen Unternehmensstrategie verstanden werden, die darauf abzielt, die öffentliche Debatte zu beeinflussen und ehrgeizigere Maßnahmen zur Alkoholpolitik zu verzögern.«
Pierre Andersson
Diese Erkenntnisse sind für die Alkoholpolitik von unmittelbarer Relevanz. Die gleiche kommerzielle Struktur, die gleichen Kundenbeziehungen und der gleiche Mangel an methodischer Transparenz liegen der Berichterstattung von Euromonitor über illegalen Alkohol zugrunde. Das im Tabaksektor offenbar gewordene Muster – Beratungsprodukte, die auf die Interessen der Industrie abgestimmt sind, aber als unabhängige Beweise präsentiert werden – wiederholt sich im Alkoholbereich fast identisch. Für politische Entscheidungsträger*innen ist die Schlussfolgerung klar: Die Zahlen von Euromonitor zum illegalen Alkoholhandel können nicht als unvoreingenommene Messungen nicht erfasster Märkte behandelt werden, sondern müssen als Teil einer umfassenderen Unternehmensstrategie verstanden werden, die darauf abzielt, den öffentlichen Diskurs und die Debatten zur Alkoholpolitik zu verzerren sowie Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit gegen alkoholbedingte Schäden zu verzögern und zu untergraben.
Eine wiederbelebte Taktik im Jahr 2025
Im Jahr 2025 rückten gesundheitsfördernde Steuerreformen in immer mehr Ländern auf der politischen Agenda nach oben. Die Regierungen sahen sich mit zunehmendem Druck auf die Gesundheitssysteme konfrontiert, während die nationalen Haushalte Mühe hatten, Schritt zu halten. Gleichzeitig gingen die externen Finanzmittel für die Gesundheitsförderung weiter zurück, was die Regierungen dazu veranlasste, einer nachhaltigen inländischen Finanzierung Vorrang einzuräumen. Infolgedessen wurde die Alkoholsteuer zunehmend als Instrument anerkannt, das sowohl den Druck auf die Gesundheitssysteme mindern als auch den finanzpolitischen Spielraum stärken kann.
In diesem Zusammenhang haben Akteur*innen der Alkoholindustrie Behauptungen über illegalen Alkohol wiederbelebt oder neu lanciert, die auf dem Narrativ von Euromonitor basieren. Alte Zahlen werden so präsentiert, als wären sie neu. In Presseerklärungen wird davor gewarnt, dass Erhöhungen der Alkoholsteuer »illegale Märkte befeuern« würden. Medienberichte zitieren Schätzungen im Stil von Euromonitor, ohne offenzulegen, dass die Originaldaten von der Alkoholindustrie finanziert wurden und methodisch undurchsichtig sind. In mehreren Ländern fällt der Zeitpunkt dieser Behauptungen zeitlich eng mit parlamentarischen Anhörungen oder Konsultationen zur Alkoholsteuerreform zusammen.
Das strategische Ziel ist klar: Zweifel, Zögern und Ängste hinsichtlich einer Erhöhung der Alkoholsteuern zu schüren – und Fortschritte im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu verlangsamen oder zu blockieren.
WHO fordert bessere Steuern auf ungesunde Produkte wie zuckerhaltige Getränke und Alkohol

Aufgrund der in den meisten Ländern konstant niedrigen Steuersätze werden zuckerhaltige und alkoholische Getränke immer billiger. Das hat insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen fatale Folgen: Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen, Krebs und Verletzungen.
Den Widerstand der Alkoholindustrie gegen Alkoholsteuern überwinden

Um ihre Gewinne zu schützen, lehnt die Alkoholindustrie Alkoholsteuern aggressiv ab und nutzt irreführende Behauptungen sowie politische Einflussnahme, um wirksame Maßnahmen zu blockieren oder zu schwächen. Movendis neuer Bericht »Countering Alcohol Industry Opposition to Alcohol Taxes« (Bekämpfung des Widerstands der Alkoholindustrie gegen Alkoholsteuern) deckt die Taktiken der Industrie auf, widerlegt ihre gängigsten Argumente und liefert Befürworter*innen evidenzbasierte Gegenargumente. Durch die Entlarvung der Mythen der Alkoholindustrie unterstützt die neue Ressource von Movendi die Bemühungen, die Alkoholsteuer als wirksames Instrument zur Rettung von Menschenleben, zur Verringerung alkoholbedingter Schäden und zur Finanzierung wichtiger öffentlicher Dienstleistungen voranzutreiben.
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Quelle: MOVENDI International
Übersetzt mit www.DeepL.com
