
Gemeinsam ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit und Teilhabe suchtkranker Menschen setzen und die Stigmatisierung bekämpfen: Genau das war das Ziel des Recovery Walks, der am 12. September 2026 erstmals in Düsseldorf stattfand. Nach der Deutschlandpremiere im vergangenen Jahr in Leipzig waren in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt rund 500 Menschen zusammengekommen, die gemeinsam auf die Straße gingen.
Für einen Tag verwandelte sich eine Wiese am Rheinufer in das »Recovery Village«, auf dem sich die klassische Suchtselbsthilfe mit Ständen der Verbände und die neue Recovery-Bewegung begegneten. Unter dem geborgten (Zelt-)Dach der Selbsthilfe queerer suchtkranker Menschen SHALK präsentierten auch die Düsseldorfer Guttempler*innen ihre Selbsthilfegruppen und boten mit Liegestühlen die Gelegenheit für eine Auszeit.

Mika Döring, Vorsitzende des im vergangenen Jahr gegründeten Vereins Recovery Deutschland, und Norbert Wiegand, Geschäftsführer des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW) eröffneten die Veranstaltung mit einer Gedenkzeremonie. Mit Wort- und Musikbeiträgen wurde den Menschen gedacht, die ihr Leben durch Substanzen verloren haben. Christine Koschmieder und André Welter aka Sick lieferten mit autobiografisch geprägten Erzählungen nachdenkenswerte Beiträge, die vom Jugendchor Ten Sing Solingen musikalisch würdig untermalt wurden. Moderiert wurde das Bühnenprogramm von Janboris Ann-Kathrin Rätz.

Sie gestalteten die Gedenkzeremonie: Christine Koschmieder, Sick (André Welter), TEN SING Solingen und Janboris Ann-Kathrin Rätz
Die Gedenkzeremonie erinnert uns auch an das, was wirklich wichtig ist. Und zwar, dass Menschen, die an Substanzen oder den Folgen von Sucht versterben, keine Statistik sind. Sie sind unsere Freund:innen, unsere Wegbegleiter:innen, Kolleg:innen, Großeltern, Geschwister, unsere Söhne und Töchter, unsere Mütter und Väter.«
Mika Döring, Recovery Deutschland

Umso wichtiger sind die Systeme, in denen Menschen aufgefangen werden, in denen Menschen eine zweite, dritte oder zwanzigste Chance bekommen.«
Mika Döring, Recovery Deutschland
Danach ging es auf die Straße: »Sucht – Genesung – Leben« lautete das Motto. Die Recovery Walker zogen durch die Düsseldorfer Innenstadt und die volle Altstadt und streiften dabei einen Teil der längsten Theke der Welt – sichtbar, laut und gemeinsam. Eines der selbstgemalten Plakate brachte die Stimmung auf den Punkt: »Ich bin so stolz auf uns.«

Nachdem alle Teilnehmer*innen vom Walk zurückgekehrt waren, führte Janboris Ann-Kathrin Rätz durch das weitere Programm, das aus einem Grußwort von AOK-Vorstandsmitglied Sabine Deutscher, einem Erfahrungsbericht von Julian Kenk, einem Wortbeitrag von Verena Titze sowie Live-Musik von Sascha Seelemann bestand. DJ Kay Goose sorgte mit House und Techno für Stimmung, die vom Fußwippen bis zum Tanzen animierte.

Sie führten durch den Nachmittag: Julian Kenk, Verena Titze, Sascha Seelemann und Kay Goose
Der Recovery Walk setzt ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen für die Bedeutung von Prävention und Selbsthilfe. Deshalb fördern wir diese in Deutschland bislang einzigartige Initiative mit voller Überzeugung. Wir möchten Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit nachhaltig begleiten. Der Recovery Walk macht sichtbar, was oft im Verborgenen bleibt:

Genesung nach einer Suchterkrankung ist möglich.«
Sabine Deutscher, AOK Rheinland/Hamburg
Die AOK Rheinland/Hamburg begleitete und unterstützte die Veranstaltung, denn Gesundheit entsteht gerade dort, wo Menschen füreinander da sind, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig stärken. Die AOK betrachtet die Selbsthilfe als Partnerin und hält die Kompetenz von Betroffenen für einen unverzichtbaren Bestandteil eines modernen, patientenorientierten Gesundheitswesens. Sie ist eine perfekte Ergänzung zu professionellen Versorgungsangeboten.

Sie leisten unverzichtbare Arbeit und zeigen, dass niemand diesen Weg alleine gehen muss.«
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, Schirmherr des Recovery Walks 2026, auf Linkedin
Der Recovery Walk ist Teil einer internationalen Bewegung, die vor allem in Schottland seit vielen Jahren Menschen in Recovery zusammenbringt und öffentliche Aufmerksamkeit für Sucht, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe schafft. Robert Izat und Tom vom Scottish Recovery Consortium ließen es sich darum nicht nehmen, in Düsseldorf live dabei zu sein.

Und was hat das Ganze nun mit Hamstern zu tun?
Von den selbst gemalten Plakaten, die beim Recovery Walk mitgeführt wurden, wurde das mit dem Hamster der spontane Lieblingsspruch des Verfassers dieser Zeilen für diesen Tag. Zwinkersmiley.

Suchtselbsthilfe gestaltet Suchthilfe mit

Beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des FAS NRW diskutierten Björn Peterburs (JES NRW) und Ingo Häfner (Kreuzbund DV Essen) mit Moderator Bernd Hoeber unter anderem über persönliche Wege, Drogenhilfe und unterschiedliche Zugänge zu Unterstützung und Selbsthilfe. Foto: Ludolf Dahmen
Am 11. September haben rund 170 Gäste aus Suchtselbsthilfe, professioneller Suchthilfe, Politik und Gesundheitswesen im Landtag Nordrhein-Westfalen das 25-jährige Bestehen des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW) gefeiert. Unter dem Motto »Brücken bauen für mehr Teilhabe und Akzeptanz« stand dabei nicht nur die Rückschau auf die vergangenen 25 Jahre im Mittelpunkt, sondern vor allem die zukünftige Rolle der Suchtselbsthilfe.
Neue Studie: Wer steckt hinter den Kampagnen gegen die Zivilgesellschaft?

Beim ersten Recovery Walk in Deutschland gingen 2025 über 700 Menschen mit Abhängigkeitserfahrungen gegen ihre Stigmatisierung in Leipzig auf die Straße.
Zivilgesellschaftliche Akteur*innen sind ein wichtiger Bestandteil moderner Demokratien: Sie bündeln gesellschaftliche Interessen, schaffen Raum für Engagement und bilden ein Gegengewicht zu den Interessen finanzstarker Konzerne. Während unsere Demokratie von innen und außen angegriffen wird, stärken zahlreiche Vereine, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Initiativen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und stehen für demokratische Werte ein. Doch auch zivilgesellschaftliche Handlungsräume geraten zunehmend unter Druck.
Weiterlesen: Neue Studie: Wer steckt hinter den Kampagnen gegen die Zivilgesellschaft?
Quellen:
- Recovery Deutschland
- Pressemitteilung AOK Rheinland/Hamburg
- Foto Hendrik Streeck von Frank Burkhardt – http://hiv-forschung.de/essen-lab-members/streeck, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76598170
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