Ein Gruppe von Demonstrant*innen zieht bei einer 'Recovery Walk'-Veranstaltung durch eine Innenstadtstraße. Sie tragen transparente und handgeschriebene Schilder mit Botschaften wie 'Ich bin so stolz auf uns', 'Freiheit' und 'Voll schön hier', sowie ein großes blaues Banner mit der Aufschrift 'Recovery Walk'. Im Vordergrund wird auch ein rotes Banner des 'Recovery Deutschland e.V.' gezeigt. Die Menge ist bunt gemischt und schreitet an alten, mehrstöckigen Gebäuden vorbei.

Gemeinsam ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit und Teilhabe suchtkranker Menschen setzen und die Stigmatisierung bekämpfen: Genau das war das Ziel des Recovery Walks, der am 12. September 2026 erstmals in Düsseldorf stattfand. Nach der Deutschlandpremiere im vergangenen Jahr in Leipzig waren in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt rund 500 Menschen zusammengekommen, die gemeinsam auf die Straße gingen.

Für einen Tag verwandelte sich eine Wiese am Rheinufer in das »Recovery Village«, auf dem sich die klassische Suchtselbsthilfe mit Ständen der Verbände und die neue Recovery-Bewegung begegneten. Unter dem geborgten (Zelt-)Dach der Selbsthilfe queerer suchtkranker Menschen SHALK präsentierten auch die Düsseldorfer Guttempler*innen ihre Selbsthilfegruppen und boten mit Liegestühlen die Gelegenheit für eine Auszeit.

Outdoor-Infostand der Guttempler-Selbsthilfegruppe in Düsseldorf: Drei Personen stehen an einem weißen runden Stehtisch, daneben befindet sich ein orangefarbener Liegestuhl mit der Aufschrift 'Guttempler – Selbsthilfe und mehr – Auszeit'. Im Hintergrund sind Werbebanner mit dem Slogan 'be part of a movement' sowie Logos von Kooperationspartnern wie 'Anonyme Alkoholiker' und dem 'Blauen Kreuz' auf einer grasbewachsenen Veranstaltungsfläche sichtbar.

Mika Döring, Vorsitzende des im vergangenen Jahr gegründeten Vereins Recovery Deutschland, und Norbert Wiegand, Geschäftsführer des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW) eröffneten die Veranstaltung mit einer Gedenkzeremonie. Mit Wort- und Musikbeiträgen wurde den Menschen gedacht, die ihr Leben durch Substanzen verloren haben. Christine Koschmieder und André Welter aka Sick lieferten mit autobiografisch geprägten Erzählungen nachdenkenswerte Beiträge, die vom Jugendchor Ten Sing Solingen musikalisch würdig untermalt wurden. Moderiert wurde das Bühnenprogramm von Janboris Ann-Kathrin Rätz.

Vierteilige Foto-Collage einer Veranstaltung: Links ist eine Frau mit Sonnenbrille auf dem Kopf zu sehen, die ins Mikrofon spricht. Daneben ist ein Mann zu sehen, der ebenfalls ins Mikrofon spricht. In der Mitte ist eine Kindergruppe auf einer Bühne mit einer Dirigentin in einem blauen T-Shirt mit Logo zu sehen. Rechts ist eine Frau in einem pinken Oberteil zu sehen, die lächelt und ein Mikrofon sowie einen Zettel hält.
Sie gestalteten die Gedenkzeremonie: Christine Koschmieder, Sick (André Welter), TEN SING Solingen und Janboris Ann-Kathrin Rätz

Die Gedenkzeremonie erinnert uns auch an das, was wirklich wichtig ist. Und zwar, dass Menschen, die an Substanzen oder den Folgen von Sucht versterben, keine Statistik sind. Sie sind unsere Freund:innen, unsere Wegbegleiter:innen, Kolleg:innen, Großeltern, Geschwister, unsere Söhne und Töchter, unsere Mütter und Väter.«
Mika Döring, Recovery Deutschland
Porträt von Mika Döring.
Umso wichtiger sind die Systeme, in denen Menschen aufgefangen werden, in denen Menschen eine zweite, dritte oder zwanzigste Chance bekommen.«
Mika Döring, Recovery Deutschland

Danach ging es auf die Straße: »Sucht – Genesung – Leben« lautete das Motto. Die Recovery Walker zogen durch die Düsseldorfer Innenstadt und die volle Altstadt und streiften dabei einen Teil der längsten Theke der Welt – sichtbar, laut und gemeinsam. Eines der selbstgemalten Plakate brachte die Stimmung auf den Punkt: »Ich bin so stolz auf uns.«

Teilnehmer*innen eines 'Recovery Walk' marschieren über eine gepflasterte Straße. Sie tragen ein großes blaues Banner mit der Aufschrift 'RECOVERY WALK', eine rote Flagge des 1. FC Kaiserslautern und ein handgeschriebenes Pappschild mit dem Text 'ICH BIN SO STOLZ auf UNS!'.

Nachdem alle Teilnehmer*innen vom Walk zurückgekehrt waren, führte Janboris Ann-Kathrin Rätz durch das weitere Programm, das aus einem Grußwort von AOK-Vorstandsmitglied Sabine Deutscher, einem Erfahrungsbericht von Julian Kenk, einem Wortbeitrag von Verena Titze sowie Live-Musik von Sascha Seelemann bestand. DJ Kay Goose sorgte mit House und Techno für Stimmung, die vom Fußwippen bis zum Tanzen animierte.

Bildcollage mit vier Personen bei einer Veranstaltung: Ein Mann mit heller Kappe und Bart spricht in ein Mikrofon, eine Frau mit dunklen Haaren und rotem Lippenstift hält ebenfalls ein Mikrofon, ein grauhaariger Mann singt an einem Keyboard, und im letzten Bild legt eine Person mit Kopfhörern und Bandana an einem DJ-Pult auf.
Sie führten durch den Nachmittag: Julian Kenk, Verena Titze, Sascha Seelemann und Kay Goose

Der Recovery Walk setzt ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen für die Bedeutung von Prävention und Selbsthilfe. Deshalb fördern wir diese in Deutschland bislang einzigartige Initiative mit voller Überzeugung. Wir möchten Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit nachhaltig begleiten. Der Recovery Walk macht sichtbar, was oft im Verborgenen bleibt:
Porträt von Sabine Deutscher.
Genesung nach einer Suchterkrankung ist möglich.«
Sabine Deutscher, AOK Rheinland/Hamburg

Die AOK Rheinland/Hamburg begleitete und unterstützte die Veranstaltung, denn Gesundheit entsteht gerade dort, wo Menschen füreinander da sind, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig stärken. Die AOK betrachtet die Selbsthilfe als Partnerin und hält die Kompetenz von Betroffenen für einen unverzichtbaren Bestandteil eines modernen, patientenorientierten Gesundheitswesens. Sie ist eine perfekte Ergänzung zu professionellen Versorgungsangeboten.

Porträt von Hendrik Streeck.
Sie leisten unverzichtbare Arbeit und zeigen, dass niemand diesen Weg alleine gehen muss.«
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, Schirmherr des Recovery Walks 2026, auf Linkedin

Der Recovery Walk ist Teil einer internationalen Bewegung, die vor allem in Schottland seit vielen Jahren Menschen in Recovery zusammenbringt und öffentliche Aufmerksamkeit für Sucht, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe schafft. Robert Izat und Tom vom Scottish Recovery Consortium ließen es sich darum nicht nehmen, in Düsseldorf live dabei zu sein.

 Zwei Männer in blauen T-Shirts und Schottenröcken (Kilts) gehen gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen auf einem Weg im Freien. Der Mann rechts trägt eine Sonnenbrille, einen Rucksack und einen bunten Tartan-Kilt, während der Mann links rote Haare und einen dunkleren Kilt trägt. Links im Vordergrund geht eine Frau mit Brille und grünem Shirt.

Und was hat das Ganze nun mit Hamstern zu tun?

Von den selbst gemalten Plakaten, die beim Recovery Walk mitgeführt wurden, wurde das mit dem Hamster der spontane Lieblingsspruch des Verfassers dieser Zeilen für diesen Tag. Zwinkersmiley.

Gruppe von Menschen bei einer Demonstration auf einem gepflasterten Weg. Im Vordergrund hält eine Frau ein handgemaltes Schild mit einer humorvollen Botschaft in deutscher Sprache: 'Hinweis: Der nüchterne Hamster rennt nicht schneller. Er verlässt das Rad.' Das Schild zeigt eine Zeichnung eines Hamsterrads mit einem Hamster, der es verlässt, und einer Sonne im Hintergrund. Die Teilnehmer*innen tragen Alltagskleidung und wirken entspannt.

Suchtselbsthilfe gestaltet Suchthilfe mit

Drei Männer auf einer Bühne im Landtag NRW: Einer spricht in ein Mikrofon, die anderen hören zu. Im Hintergrund Banner des Fachausschusses Suchtselbsthilfe mit dem Motto 'Wir sind Vielfalt'.
Beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des FAS NRW diskutierten Björn Peterburs (JES NRW) und Ingo Häfner (Kreuzbund DV Essen) mit Moderator Bernd Hoeber unter anderem über persönliche Wege, Drogenhilfe und unterschiedliche Zugänge zu Unterstützung und Selbsthilfe. Foto: Ludolf Dahmen

Am 11. September haben rund 170 Gäste aus Suchtselbsthilfe, professioneller Suchthilfe, Politik und Gesundheitswesen im Landtag Nordrhein-Westfalen das 25-jährige Bestehen des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW) gefeiert. Unter dem Motto »Brücken bauen für mehr Teilhabe und Akzeptanz« stand dabei nicht nur die Rückschau auf die vergangenen 25 Jahre im Mittelpunkt, sondern vor allem die zukünftige Rolle der Suchtselbsthilfe.

Neue Studie: Wer steckt hinter den Kampagnen gegen die Zivilgesellschaft?

Teilnehmer*innen beim ersten Recovery Walk in Deutschland 2025 in Leipzig.
Beim ersten Recovery Walk in Deutschland gingen 2025 über 700 Menschen mit Abhängigkeitserfahrungen gegen ihre Stigmatisierung in Leipzig auf die Straße.

Zivilgesellschaftliche Akteur*innen sind ein wichtiger Bestandteil moderner Demokratien: Sie bündeln gesellschaftliche Interessen, schaffen Raum für Engagement und bilden ein Gegengewicht zu den Interessen finanzstarker Konzerne. Während unsere Demokratie von innen und außen angegriffen wird, stärken zahlreiche Vereine, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Initiativen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und stehen für demokratische Werte ein. Doch auch zivilgesellschaftliche Handlungsräume geraten zunehmend unter Druck.

Quellen: