Die Zahl alkoholabhängiger Frauen nimmt deutlich zu: Vor dieser Entwicklung warnte Univ.-Prof. Michael Musalek, Leiter der größten Suchtklinik Österreichs, des Anton-Proksch-Instituts (API) in Wien-Kalksburg, bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen. »Vor Kurzem noch kam auf vier alkoholkranke Männer eine alkoholkranke Frau, doch wir nähern uns dem Verhältnis 3:1. In 20 Jahren wird bereits auf nur zwei alkoholkranke Männer eine alkoholkranke Frau kommen.« Bei den jugendlichen Problemtrinkern unter 16 gebe es jetzt schon dieses 2:1-Verhältnis. Gerade für Frauen sei die Verfügbarkeit von Alkohol heute viel leichter als vor 20 Jahren: »Damals wäre es für viele Frauen völlig unvorstellbar gewesen, um 17 Uhr im Kaffeehaus zwei Achtel Wein zu trinken. Heute ist das nichts Besonderes.«

Auch das Einstiegsalter sei gesunken: »Vor 15 bis 20 Jahren lag es bei 15 bis 16 Jahren, heute ist es bei 11 bis 13 Jahren.« Noch sei die derzeit geschätzte Zahl von 330.000 Alkoholkranken in Österreich seit den 1970er-Jahren ziemlich konstant. Der starke Anstieg bei den Frauen werde durch einen leichten Rückgang bei den Männern kompensiert. »Aber für die Zukunft befürchte ich eine Zunahme der Gesamtzahl.« Im API reagiere man auf die wachsende Zahl betroffener Frauen ab Herbst mit einer Aufstockung der (derzeit 60) Frauenbetten: »Wir haben momentan eine Frauen- und drei Männerabteilungen. Künftig wollen wir alle Abteilungen gemischt führen. Denn derzeit müssen Frauen drei bis vier Monate auf ein Bett warten.«

Zusätzlich zu den 330.000 Alkoholkranken haben 770.000 Österreicher einen problematischen Konsum: Statistisch ist dies dann der Fall, wenn der Konsum über der Gefährdungsgrenze liegt. »Unabhängig von der Menge ist Alkohol aber auch dann problematisch, wenn man ihn als Medikament zur Beruhigung einsetzt und sich nicht vorstellen kann, ein oder zwei Tage pro Woche auch ohne auskommen zu können.«

Laut Musalek gebe es umso mehr Suchtkranke, je leichter Alkohol verfügbar ist. »Ich bin nicht für Verbote, aber für jede Maßnahme, die die Verfügbarkeit von Alkohol reduziert.« So gesehen sei es zu hinterfragen, ob Betriebskantinen oder Tankstellen - Letztere sogar rund um die Uhr - Alkohol anbieten sollen: »Das ist doch sehr verwunderlich.« Hochproblematisch sei auch die Verbindung von Sport und Alkoholwerbung: »Damit wird der Eindruck erweckt, ein ordentlicher Sportler ist nur einer, der Bier trinkt.«

Werbung sollte vielmehr das verantwortungsvolle Trinken transportieren: »Geringe Mengen, hohe Qualität, in Verbindung mit Essen – diesen Weg geht die Weinindustrie. Warum bewirbt man nicht auch beim Bier das Genusstrinken zum Essen aus kleineren Flaschen?«

Reaktionen

Auf die Kritik reagieren auch die Tankstellen und Kantinenbetreiber: »Wir halten uns an die gesetzlichen Bestimmungen«, erklären die Tankstellenunternehmen im Fachverband der Mineralölindustrie. Außerdem werde auf Aktionen und Werbung verzichtet, die einen exzessiven Konsum von Alkohol fördern.

»In unseren Mitarbeiter-Restaurants wird generell kein Alkohol ausgeschenkt – außer der Kunde wünscht es ausdrücklich, etwa für Sonder-Gasträume«, heißt es vom Kantinenbetreiber Sodexo. Anders beim Konkurrenten EUREST: »Die Entscheidung, ob und ab welcher Uhrzeit Alkohol ausgeschenkt wird, geht nicht von EUREST aus – das entscheidet der jeweilige Auftraggeber oder Betrieb selbst.«

Quelle: Kurier vom 22.08.2011

Alkoholpolitik